Lehren, Lernen und Bildung metaphorisch verstehen? Ein kollaboratives Wikibookprojekt

Lehren und Lernen metaphorisch verstehen? Ein kollaboratives Wikibookprojekt

Laufzeit: Seit März 2015
Projektfinanzierung: Promotionsprojekt
Projektleitung: Franco Rau
E-Tutor_in: Sophie Schaper (finanziert über die E-Learning-Arbeitsgrupp der TU Darmstadt)

Mit dem Projekt „Lehren, Lernen und Bildung metaphorisch verstehen? Ein kollaboratives Wikibook-Projekt“ wird das Ziel verfolgt, über das gemeinsame Entwickeln eines Wikibooks, die Entwicklung fachlicher und medienbezogener Kompetenzen von (Lehramts-)Studierenden zu unterstützen und einen produktiven Beitrag für eine offene und partizipative Kultur zu leisten. Gemeinsam mit Lehramts- und Pädagogikstudierenden werden dafür Metaphern zu den Themen Bildung und Didaktik in allgemein-pädagogischen Lehrveranstaltungen entwickelt und kritisch hinterfragt. In Kooperation mit Nelson Gonçalves (ESE Viseu, Portugal) und Studierenden des Studiengangs „Artes Plásticas e Multimédia“ wird über die Erstellung von Animationen für das Wikibook zudem ein fach- und länderübergreifender Austausch zwischen Studierenden angestrebt.

Metaphern als Zugang zu Vorstellungen über Lehren und Lernen

Über die Entwicklung von Metaphern wird der Versuch unternommen, die Vorstellungen der Studierenden über schul- und unterrichtsrelevante Aspekte sowie über ihre zukünftigen pädagogischen Tätigkeiten sichtbar und für eigene Reflexionen und Rückmeldungen von Dritten zugänglich zu machen. Somit wird es möglich, (a) an die Lernvoraussetzungen der Studierenden anzuknüpfen und (b) das Spektrum unterschiedlicher Normalitätsvorstellungen hinsichtlich schul- und unterrichtsrelevanter Aspekte offenzulegen und aus pädagogischer Perspektive zu thematisieren.

Eine intensive Auseinandersetzung mit den erfahrungsbasierten Vorstellungen und dem Denken der (Lehramts-) Studierenden über Unterricht begründet sich zweifach: (1.) Die Vorstellungen der Studierenden können während des Studiums als Filter wirken, d. h., die Studierenden nehmen nur die (inhaltlichen) Facetten eines Seminars wahr, die aus ihrer Perspektive für die spätere Berufspraxis sinnvoll sind. Die bestehende Diskrepanz zwischen studentischen und erziehungswissenschaftlichen Vorstellungen über den Sinn der Lehrer_innenbildung kann über die Aufarbeitung eigener Vorstellungen erfahrbar werden. (2.) Die Vorstellungen der Studierenden sind nach bisheriger empirischer Forschung im Kontext der Lehrer_innenbildung, so Sigrid Blömeke, weitgehend veränderungsresistent, d. h., es ist nicht davon auszugehen, dass es im Verlauf des Lehramtsstudiums von alleine zu „grundlegenden Veränderungen kommt“. Konzepte, in denen die individuellen Vorstellungen aufgearbeitet und zum Thema gemacht werden, erscheinen hingegen Erfolg versprechend.

Ein möglicher Zugang zum Denken und zu den Vorstellungen der Studierenden bietet sich gemäß der Theorie des erfahrungsbasierten Verstehens über die Arbeit mit Metaphern. Eine zentrale Annahme des Konzeptes ist es, dass zum Verstehen und zur Erklärung abstrakter Begriffe und Konzepte wie z. B. Didaktik oder Bildung, Erfahrungen aus anderen Bereichen herangezogen werden. Die Vorstellung „Lehren und Lernen ist wie Gärtnern und Gedeihen“ ist ein typisches Beispiel für eine entsprechende Metapher. Über den Austausch mit Studierenden in Portugal und die Animation entsprechender Metaphern werden zugleich die jeweiligen Interpretationen und unterschiedliche Konkretisierungen der Studierenden sichtbar: Die Vorstellung vom alten männlichen Gärtner in Uniform innerhalb eines Gewächshauses zeigt beispielsweise eine deutliche Differenz zur Vorstellung von einer jungen Frau beim „Urban Gardening“.

Gestaltung von Wikibooks in einer partizipativen Kultur

Mit der Formulierung „von der Rezeption zur Partizipation“ beschreibt Ulf-Daniel Ehlers die im „E-Learning 2.0“ -Diskurs vertretene Perspektive, Lernende als Impulsgeber ihrer eigenen Lernprozesse zu verstehen und sie als aktive (Ko-)Konstrukteure von Wissen und Materialien in Lehr-/Lernarrangements einzubinden. Durch die gemeinsame Erstellung eines Buchprojektes mit Studierenden im Rahmen der offenen Wiki-Gemeinschaft wikibooks.org wird dieses Leitbild aufgenommen. Die gemeinsame Arbeit an einem Wikibook bietet die Chance, die Kreation bzw. mit Auseinandersetzung mit Inhalten gegenüber deren bloßem Konsum zu unterstützen.

Über die Gestaltung von öffentlichen Texten und Animationen im Rahmen der Wikibooks-Community eröffnet sich ferner die Möglichkeit, die Grenzen geschlossener Hochschulkurse überwinden zu können. In informellen Wiki-Kontexten wird dies unter anderem daran deutlich, dass Menschen (jenseits der eigenen Veranstaltungen) über die Diskussionsseite von Wiki-Artikeln inhaltliche Kontroversen führen. So ermöglicht die Verwendung von wikibooks.org nicht nur die Chance, dass die digitalen Artefakte von Studierenden nicht nur vom jeweiligen Dozenten gelesen werden, sondern dass diese auch von weiteren Interessierten kommentiert, diskutiert und überarbeitet werden.

Jenseits der sich eröffnenden Potenziale zum Lernen der Studierenden bietet die Auseinandersetzung mit dem Format „Wikibooks“ die Möglichkeit, veränderte Formen der Kommunikation und Kooperation sowie digitale Wirklichkeiten und produktives Handeln in modernen Gesellschaften zu erleben und mitzugestalten. In Anlehnung an den Bericht der Expertenkommission des BMBF zur Medienbildung lassen sich in der exemplarischen Auseinandersetzung mit Wikibooks die Fähigkeiten erwerben, sich bei der Herstellung von Produkten und Dienstleistungen auf (virtuelle) Gemeinschaften zu stützen und sich an deren Entstehung, Erhalt und Verbreitung zu beteiligen sowie herstellende und gestaltende Tätigkeiten zu beherrschen sowie unterschiedliche multimediale Ausdrucks- und Kommunikationsformen zunutze zu machen.